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Publikation: Tagesspiegel
Erschienen am: 27.07.2003
Autor: Peter-Gregor Rottwinkel
Rubrik: SONNTAG
Ausgabennummer: 18191
Seite: S06
Auf die Presse kommt es an
Woran erkennt man die Qualität von
Olivenöl? Der grosse Test.
Von Peter-Gregor Rottwinkel
Ein guter Deutscher isst Olivenöl , jungfräulich und kaltgepresst.
"Extra virgine" und "nativ" laufen ihm so geschmeidig über die Zunge wie
früher "die gute Butter", und als echter Snob schwärmt er für das
Aldi-Öl .
Aber wer weiß wirklich, was er sich da in den Salat kippt?
Als die Stiftung Warentest sich im letzten Herbst mal wieder ans
Probieren machte, bekamen von 32 Ölen ganze fünf die Note "gut". "Sehr
gut" wurde gar nicht erst vergeben. Schlimm genug. Aber die Wirklichkeit
ist noch schlimmer.
Der Weinbrandverschnitt scheint aus der Mode gekommen zu sein, der
Verschnitt von Olivenöl nimmt unkontrollierte Formen an. Er kommt ja
auch ganz subtil daher - zum Beispiel bei Mischungen mit geruchlosem
Haselnussöl.
Maßgebend für ein gesundes und schmackhaftes Olivenöl ist immer die
Frische: Je frischer, desto gesünder. Der Säuregehalt, entscheidend bei
der Klassifizierung, spielt da eine eher untergeordnete Rolle. Was nutzt
einem Feinschmecker ein zwei Jahre altes Olivenöl mit einem
Säuregehalt von 0,3 Prozent, bei dem das Tocopherol - der wichtige
Aufbaustoff Vitamin E - nicht mehr enthalten ist? Bei dem der pfeffrige
Abgang und die leichten Bitterstoffe, die Zeichen der Frische, nicht
mehr vorhanden sind, weil sich die Phenole verflüchtigt haben, sich das
Oleuropein aufgelöst hat?
Alt und neu vermanscht
Frische Olivenöle sind selten in den Regalen der Supermärkte zu finden.
Schauen Sie auf die Etiketten, und Sie werden den Schwindel schnell
erkennen. Die meisten Ölproduzenten geben (wenn überhaupt) eine
Haltbarkeitsdauer von 24 Monaten an, ohne das Ernte- oder Pressdatum auf
den Etiketten sichtbar zu machen. Hier beginnt der Kampf gegen die
Wahrheit, der meistens von den Abfüllern gewonnen wird.
Vor der neuen Ernte wird schnell noch der Vorrat aus dem Vorjahr in die
Flaschen gefüllt. Wenn der Konsument Pech hat, hat er am Ende der
angegebenen Verbrauchszeit von 24 Monaten ein 36 Monate altes Olivenöl
. Gern wird auch altes Öl vom Vorjahr mit der neuen Ernte vermischt. Es
ist daher dringend zu empfehlen, immer auf die Angaben von Pressmonat
oder Erntemonat zu achten. Das Abfülldatum ist absolut belanglos.
Auch gegen ein anderes Übel kann sich kaum ein Konsument schützen. Die
privaten Pressen und Olivenölgrossisten, selten die
Gemeinde-Genossenschaften, kaufen den Olivenbauern die Oliven ab, die
sie zur Ölmühle bringen. Das Olivenöl bleibt bei den Grossisten.
Selten wird hier geprüft, ob die Oliven nach einem oder nach zehn Tagen
angeliefert
werden. In den ersten Wochen wird ein Olivenöl gewonnen,
das einen Säuregehalt von 0,5 Prozent enthält. In den letzten Wochen der
Erntezeit füllen sich jedoch die Tanks mit einem Olivenöl mit einem
Säuregehalt von rund 1,3 Prozent. Dieses darf nun nicht mehr die
Bezeichnung "extra nativ" oder "extra virgine" führen, weil der vom
Gesetzgeber vorgeschriebene Säuregehalt von einem Prozent überschritten
wurde. Damit der Händler keine Verluste schreibt, mischt er nun
unerlaubt im Verhältnis 50:50 das Öl und erhält damit eines mit 0,9
Prozent Säure, das er als "extra virgine" bezeichnet.
Ein Olivenbauer, genossenschaftlich organisiert, mit circa 300 gut
gepflegten Ölbäumen im besten Ertragsalter nach einer günstigen
klimatischen Periode, erwartet einen Ertrag von circa 6000 Kilo Oliven.
Damit kann er ungefähr 960 Liter Olivenöl gewinnen. An einem Tag
schafft es der Bauer, bei behutsamer Handarbeit 80 Kilo Oliven zu
pflücken, kann also vier Bäume bearbeiten.
Nach spätestens zwei Tagen müssen die Oliven zur Presse gebracht
werden, weil später Oxydationen eintreten, die den Säuregehalt in die
Höhe treiben. Die Ölmühle aber presst erst lohnend bei einer
Anlieferung von 500 Kilo Oliven. Da aber eine Person in zwei Tagen nur
160 Kilo pflücken kann, muss auch die Frau des Bauern sowie eine weitere
Hilfskraft auf den fünf Meter hohen Stegleitern bis zu den Baumkronen
steigen und Hand anlegen. Nach zwei Wochen muss nun die Ernte für das
Olivenöl "extra nativ" beendet sein, da die Oliven bereits eine Reife
angenommen haben, die die Ölsäure beim gewonnenen Öl über ein Prozent
Säuregehalt ansteigen lässt.
Dieses Olivenöl kann dann nicht mehr als "extra nativ" und erst recht
nicht mehr als Bio-Olivenöl deklariert werden. Der Bauer bleibt demnach
auf 2500 Kilo Oliven sitzen, deren Ertrag über die Genossenschaft zum
Spottpreis von 1,80 Euro pro Liter an einen Händler verkauft werden
muss. Schon beginnt wieder der beschriebene Kreislauf.
Geschmack und Geruch des Olivenöls sind nicht zuletzt abhängig von der
Pressmethode. Und die Aufschrift "gepresst nach traditionellem
Verfahren" verspricht nicht unbedingt Gutes. Es gibt drei gängige
Methoden. Das traditionelle Mattenverfahren ist Tausende von Jahren alt.
Der vermahlene Ölbrei wird auf kanaldeckelgroße Matten gestrichen, die
in der Mitte ein Loch haben. Über ein zentrales Stahlrohr werden diese
beschichteten Matten - bis zu 30 Stück - aufeinander gestapelt und mit
hydraulischem Druck gepresst. Die herausgedrückte Flüssigkeit tropft in
Auffangbehälter. Um den Vorgang zu beschleunigen, spritzen manche
Presser noch den Aufbau mit heißem Wasser ab, was die Öl enthaltenen
Zellwände des Fruchtfleisches aufbrechen lässt.
Dieses traditionelle Mattenverfahren ist von vielen Nachteilen
behaftet. Es entsteht bei dem hydraulischem Druck eine Reibungswärme von
bis zu 100 Grad Celsius. Darüber hinaus werden die Matten vor dem
nächsten Pressen selten richtig gereinigt. Einige schlechte Oliven
vom Vorgänger verderben das Öl eines seriösen Bauern, der die Oliven
behutsam mit der Hand sammelt und sortiert und die Oliven nach 24
Stunden, spätestens aber am zweiten Tag zur Ölmühle bringt.
Das bessere und geschmackvollere Öl wird im Endlos-Schnecken-System
gewonnen. Dabei wird der vermahlene Olivenbrei durch zwei Zentrifugen
geführt. Die erste scheidet den Trester ab, die zweite trennt Fruchtsaft
und Öl. Zentrifugen sind effizient, zuverlässig und sauber. Ihr
Wirkungsgrad lässt sich genau voraussagen. Praktisch alle modernen
Mühlen verwenden Zentrifugen.
Beim Sinolea-Verfahren arbeiten die Maschinen mit rostfreien
Stahlklingen, die durch die Ölpaste vibrieren und damit das Öl zur
Oberfläche fließen lassen, wo es abgestreift wird. Diese drucklose
Methode gilt in Fachkreisen als beste, ist jedoch in der Anwendung
schwierig, teuer und weniger wirksam als das Schnecken-System. Nach dem
Zentrifugieren wird das Öl durch ein Register ziehharmonikaartiger
Filterblätter gepresst, damit sich Trübstoffe absetzen. Das Öl soll den
konsumentenfreundlichen aufpolierten Klarglanz bekommen, wird aber
dadurch amputiert wie der Nährwert eines geschälten Apfels. Greifen Sie
zu, wenn Sie eine Flasche mit Bodensatz sehen. Die aufsteigenden dunklen
Wölkungen, die sich beim Bewegen der Flasche bilden, sind Schwebstoffe,
Rückstände vom Pressen der Kerne, seiner Mandel und der Haut der Olive.
Sie bedeuten absolut keinen Qualitätsverlust.
Zuletzt sollte der Verbraucher über eine Verordnung der EU-Behörden
aufgeklärt werden, die die wahre Herkunft eines Produkts nicht erkennen
lässt: die Etikettierung "hergestellt" oder "produziert". Nur die
Bezeichnung "produziert in" garantiert, dass das Olivenöl
ausschließlich von am Ort gesammelten Oliven gepresst und auch dort
abgefüllt wurde. Bei der Bezeichnung "hergestellt in" oder "abgefüllt
in" kommen Öl oder Oliven von einem anderen Ort. Und der kann ziemlich
weit weg sein. Von 25 000 Tonnen Olivenöl , die auf der Insel Lesbos
produziert werden, bleiben ganze zehn Prozent im Land. Der Rest wird zum
größten Teil nach Italien gebracht. Eine Erklärung dafür, dass Italien
wesentlich mehr Olivenöl exportiert als herstellt.
Kraft und Kunst
Noch etwas sollte zu denken geben: So genannte "Italienische
Olivenöle", bei denen ein Dreiviertelliter der Qualitätsstufe
"Natives Olivenöl extra" im Laden zwischen 3,50 Euro und 4,50 Euro
kostet, lassen sich in keiner italienischen Ölmühle für einen
Einkaufspreis von 1,50 bis 2,50 Euro herstellen. Noch bedenklicher wird
es, wenn - so geschehen 1994 - Testunternehmen ein solches Öl als "sehr
gut" einstufen, dann aber bei einer genaueren Laboruntersuchung dieses
Öl wegen Verdachts auf eine thermische Behandlung in die Nähe eines
"raffinierten Öls" gerückt werden muss.
"Meine ganze Jugend habe ich gelernt, dass die Herstellung von
Olivenöl Kraft, Geduld und Kunstfertigkeit verlangt," hat der
französische Schriftsteller Jean Giono notiert. "Damals wurde im
ersten Viertel des Jahres von Haus zu Haus das Öl verglichen. Man gab
drei Tropfen auf ein Stück weiches Brot und kostete. Danach wurde
diskutiert." Einen besseren Test gibt es wahrscheinlich bis heute nicht.
Unser Autor, Architekt aus Berlin, ist seit einigen Jahren Olivenbauer
auf der griechischen Insel Thassos. Ein halber Liter seines Bio-Öls aus
handgepflückten Früchten, dem unser Kritiker Bernd Matthies "fulminanten
Geschmack" bescheinigt, kostet 8,50 Euro. Zu beziehen über
www.der-oelbaum.de oder im Feinkostladen von Rottwinkels Tochter,
"Kaliva", Wielandstr. 37 (bis 12.8. Ferien).
Kreta
Aus handgepflückten Oliven. Schmeckt nach Heu, im Abgang leichte
Schärfe. Der Kanister hält das Licht ab (über arteFakt). 4 mal 250
ml: 15,34 Euro
Frankreich
Schmeckt sehr mild, leicht nach Veilchen, eher neutral - ein Olivenöl
ohne ausgeprägten Olivenölgeschmack. Für eine leichte Vinaigrette zum
Salat geeignet. Aber auf keinen Fall zum Braten - beim Erhitzen geht das
Öl von James Plagniol kaputt. (Bei Garlipp, Große Hamburger Straße 1)
500 ml: 9,60 Euro
Publikation: Tagesspiegel
Erschienen am: 08.03.2002
Autor: bm
Rubrik: Feinkost
Seite: 014
Vom Glück, einen Ölbaum anzuschauen
Der Berliner Architekt
Peter-Gregor Rottwinkel produziert in der Ägäis biologisches Olivenöl
Hier klagt ein erfahrener Architekt: "Was tun, wenn das Gefühl
aufkommt, zum Hampelmann der Bauherrschaft verkommen zu müssen, wenn das
Unglück über einen hereinbricht, dass sich Honorarverhandlungen zu
orientalischen Basarhändeln entwickeln?" Da ist einer reif für die
Toskana, mindestens, und jener Architekt, um den es hier geht, lebt
sogar noch weiter weg: Peter- Gregor Rottwinkel hat sich nach 20 Jahren
Arbeit in Berlin in die Ägäis abgesetzt - und lebt dort als Olivenbauer.
Rottwinkel hat seine Zukunft auf der weitgehend unbekannten Insel
Thasos gefunden, der nördlichsten ägäischen Insel im ost
mazedonischen Teil Griechenlands. Zusammen mit seiner Frau bewirtschaftet er dort am
Rande der Gemeinde Limenaria zwei Hektar Land mit etwa 150 Ölbäumen, 200
Meter über dem Meer in angenehmer Südlage. Die fetten Oliven der Sorte
Throumba wachsen unter rein biologischen Bedingungen - kleiner Luxus
eines Liebhabers, der nicht darauf angewiesen ist, seinen
Lebensunterhalt mit Olivenöl zu verdienen, und der das sinnliche
Vergnügen an Handarbeit und Öl als eigentliches Ziel versteht.
Rottwinkel erntet jährlich etwa 2500 Kilo Oliven, das entspricht 500
Kilo Öl; einige Nachbarn haben sich seiner Methode angeschlossen und
liefern langsam mehr und mehr zu, so dass bald etwa 1000 Kilo verfügbar
sind Rottwinkel pflügt jährlich im Spätherbst von Hand Ziegen- oder
Schafdung unter, den er von den Hirten aus der Nachbarschaft erhält,
kämpft gegen die Ölfruchtfliege ausschließlich mit Hormon-Fallen und
bewässert nur in anhaltenden Dürreperioden. Innerhalb von 14 Tagen wird
lagenweise geerntet, mit der Hand, versteht sich - im Kampf gegen die
Ziegen, die sich gern auf die im Netz liegenden Oliven stürzen, "wie die
Horden Etzels", schreibt Rottwinkel. Der Pflücker muss vom Baum und
einen schrillen Schrei ausstoßen, dann verziehen sie sich, für einen
Moment. Spätestens nach zwei Tagen gelangt die Ernte in die Ölmühle, die
ein Kardiologe am Ort betreibt, ausschließlich für die Oliven seriöser
Biobauern. Nach der Zentrifugierung ist das Öl fertig, eine Filterung
findet nicht statt, weil Rottwinkel den vollen Geschmack erhalten will
und dafür die leichte Trübung in Kauf nimmt.
Der Lohn ist das Bio-Siegel nach der EG-Öko-Verordnung - aber vor allem
der fulminante Geschmack: Das goldgelbe, recht breit angelegte Öl
besticht durch schöne, charaktervolle Frucht, im Abgang wartet eine
sanfte, durchaus angenehme Schärfe, grundiert von ebenso sanfter
Bitterkeit. Ein Olivenöl , das musterhaft den bodenständigen Charakter
griechischer Öle zeigt und wieder einmal Anlass gibt, die Ödnis der
Supermarkt-Billigöl-Kultur zu beklagen.
Ebenso ungewöhnlich wie das Produkt ist die Vermarktung. Rottwinkel
verzichtet auf den Zwischenhandel und verschickt selbst, den halben
Liter für etwa 10, dem Liter für etwa 17 Euro plus Steuer. Die
Einzelheiten stehen auf der informativen Website www.der-oelbaum.de ,
Bestellungen sind aber auch über die Berliner Rufnummer 892 58 69
möglich - solange Vorrat reicht. Noch ein Wort Rottwinkels zum Preis:
"Das entspricht einem Monatsertrag von 1360 Mark für zwei Personen. Die
Differenz, die zum Leben benötigt wird, ist das Glück, einen Ölbaum
anzuschauen, der auf einer mit roten Mohnblumen und Anemonen übersäten
saftig grünen Wiese steht."
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